Projekt

Geschlecht im Schulbuch. Eine diachrone Schulbuchstudie aus diskurslinguistischer Perspektive

Abstract

Das Dissertationsvorhaben untersucht, wie geschlechterspezifisches Schulbuchwissen konstruiert, strukturiert und transformiert wird und welche AkteurInnen an diesem Aushandlungsprozess beteiligt sind.

Weitere Informationen 

Bildungsmedien waren in der germanistischen Linguistik bislang kaum Untersuchungsgegenstand. Erstaunlich, angesichts der Tatsache, dass Schulbücher tägliches Lehr- und Lernmittel sind, mit denen zum einen fachspezifisches Wissen vermittelt wird, denen zum anderen aber auch soziokulturelles Wissen eingeschrieben ist, welches implizit am Konstruktionsprozess von Welt der SchülerInnen teilhat. 

Welcher Stellenwert der Sprache in diesem (De-)Konstruktionsprozess zukommt bzw. welche Weltdeutung der Sprachgebrauch in Lehrwerken nahelegt, haben bisherige Schulbuchstudien nicht herausarbeiten können. Im Dissertationsvorhaben wird an diesem Desiderat angesetzt und die Sprache im normierten Medium Schulbuch “in ihrer funktionalen Rolle bei der Herstellung von ‘Wirklichkeit(en)’ ernst genommen” (Wengeler 2006: 5). 

Die Arbeit beabsichtigt 

  • einerseits eine Rekonstruktion schulbuchinhärenten soziokulturellen Wissens – der Fokus liegt dabei auf kollektiven Vorstellungen zum Rollenbild von Frauen/Mädchen und Männern/Jungen –
  • sowie andererseits eine Rekonstruktion der Einflussnahme auf dieses Wissen durch AkteurInnen, die über Definitionsmacht in der schulischen Wissenspolitik verfügen.

Sie nimmt eine kulturwissenschaftliche Perspektive ein und legt einen weiten Kontextbegriff an, um die Aushandlungsprozesse in der “Diskursarena Schulbuch” (Höhne 2003: 61) in ihrer Komplexität zu erfassen. Mit Methoden aus Geschichtswissenschaft und Sozio-/Diskurslinguistik werden bildungshistorische Dokumente, wie Ministerialerlasse, Schulgesetze und Lehrpläne, sowie rund 80 Schulbücher – v. a. für das Fach Rechnen/Mathematik – der letzten 140 Jahre auf den Wissensaspekt ‘Geschlecht’ untersucht.

In Anlehnung an die Diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse (DIMEAN) von Spitzmüller/Warnke (vgl. 2008; 2011) wurde ein dreigliedriges Analysemodell entworfen, das die Abhängigkeiten des Schulbuchwissens von bildungspolitischen Direktiven und gesellschaftlichen Diskursen erfassen will:

  1. Welche Geschlechterideologie wird zu welcher Zeit bildungspolitisch legitimiert oder sanktioniert? Welchen Einfluss üben behördliche und verlegerische Vorgaben auf die inhaltliche und sprachliche Gestaltung von Geschlechtlichkeit im Schulbuch aus? (Akteursanalyse)
  2. Wie wird zu welcher Zeit im Schulbuch über Weiblichkeit und Männlichkeit gesprochen? Welches Wissen über weibliche und männliche Personen wird mit welchen sprachlichen Mitteln konstituiert? (intratextuelle Analyse)
  3. Inwiefern findet sozialer Wandel in Bezug auf Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit einen Niederschlag im Schulbuch? (transtextuelle Analyse)

Zu Personen und Institutionen, die an der Produktion und Zirkulation von Schulbuchwissen beteiligt sind, wurde bislang nicht systematisch geforscht. Der erste Teil dieser diskurslinguistischen Arbeit macht die AkteurInnen, die am Diskurs um geschlechterspezifische Inhalte beteiligt sind, zum Untersuchungsobjekt. Entlang des Untersuchungszeitraums werden für eine Diskursanalyse relevante bildungsgeschichtliche Dokumente identifiziert und beispielhaft auf explizite wie implizite Vorgaben zu Geschlechtervorstellungen analysiert. Methodisch kommt hier die historische Dokumentenanalyse zur Anwendung. Über qualitative Interviews wird weiterhin die gegenwärtige Produktions- und Zulassungspraxis erhoben. 

Daran schließt die Schulbuchanalyse i. e. S. an, d. h. hier werden die Schulbücher des Korpus einer intratextuellen Analyse nach festgelegtem Kategorienschema unterzogen. Das Raster erfasst sprachliche Kategorien auf der Wort-, Propositions- und Textebene. Über Häufigkeitsabfragen sind Kookkurrenzen und mittels Signifikanztests Kollokationen ermittelbar. 

Im dritten Teil der Arbeit, der transtextuellen Analyse, wird der Frage nachgegangen, ob das Schulbuch als kultur- und gesellschaftsabhängiges Zeitdokument zu lesen ist. Die diachrone Untersuchungsperspektive erlaubt Aussagen darüber, wie sich über die letzten 140 Jahre in den Lehrwerken Geschlechterkonzeptionen verändert haben, ob sich im Abgleich mit der sog. sozialen Realität gesellschaftlicher Wandel in den Schulbüchern widerspiegelt oder erst zeitverzögert niederschlägt und welche Stereotype gegebenenfalls bedient werden. Exemplarisch soll weiterhin gezeigt werden, inwiefern in die Schulbücher geschlechterspezifische Vorgaben von Behördenseite integriert wurden. 


Literatur:

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