Projekt

  • »Geradezu schizophrene Verhältnisse« und »voll schizo«. Zur alltagssprachlichen Re-Semantisierung eines psychiatrischen Konzepts als soziokulturelles Deutungsmuster im 20. Jahrhundert.
    (Dissertationsprojekt)

Abstract

Der grundlegende Zusammenhang zwischen psychischen »Krankheiten« und ihrer kulturbedingten Konzeptualisierung und Behandlung hat spätestens seit Foucaults »Wahnsinn und Gesellschaft« (frz. 1961) in unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen Aufmerksamkeit erfahren. Die rund hundertjährige Geschichte von Begriff und Konzept Schizophrenie – einem psychiatrischen Konzept von nach wie vor zentraler klinischer Bedeutung – ist jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt in ihrer sozial- und kulturanalytischen Signifikanz so gut wie gar nicht erarbeitet worden. Das Dissertationsvorhaben möchte dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Die Arbeit ist eingebettet in das interdisziplinäre SNF-Projekt »‘Schizophrenie’: Rezeption, Bedeutungswandel und Kritik eines Begriffes im 20. Jahrhundert« der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, des Deutschen Seminars (Universität Zürich (UZH)), der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (UZH) sowie des Seminars für Filmwissenschaft (UZH) (www.schizophrenie.uzh.ch).

Der Begriff Schizophrenie wurde 1908 vom Zürcher Psychiater Eugen Bleuler anlässlich eines Vortrages in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt. Nicht nur aus psychiatrisch-fachwissenschaftlichen Gründen, sondern auch, weil ihm der vorgängige Krankheitsname Dementia praecox »zu unhandlich« (Bleuler 1988 [1911], 4) erschien. Die Wortschöpfung Bleulers hat sich in der Folge nicht nur ausgesprochen schnell im psychiatrischen Fachdiskurs durchgesetzt, der Begriff Schizophrenie – und seine Derivationen schizophren, schizoid und schizo – sind im Laufe des 20. Jahrhunderts auch erstaunlich rasch in zahlreiche andere Diskurse übernommen und für neue kommunikative Bedürfnisse adaptiert worden. Die alltags- bzw. gemeinsprachliche Verwendung von Schizophrenie geht dabei einher mit einem Schillern der Semantik zwischen fachsprachlicher Bedeutung und metaphorischem Gebrauch (vgl. Musolff 2003). Der systematische Charakter dieser Unschärfe verweist darauf, dass es sich um eine spezifische Praktik der Kommunikationsgemeinschaft handelt, die den fachwissenschaftlichen Ausdruck für ihre Zwecke – u.a. als Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung – »anverwandelt«. Eine Praktik, die ihrerseits wiederum auf die psychiatrische Fachwissenschaft – und die von Schizophrenie Betroffenen – in nicht zu unterschätzendem Ausmaß zurückwirkt.

Vor diesem Hintergrund stellt das Dissertationsprojekt die Fragen ins Zentrum,

  • wie die Interdiskursivierung (Link 1999) von Ausdruck und Konzept Schizophrenie vonstattenging,
  • welche unterschiedlichen Gebrauchsmuster und Re-Semantisierungen des Begriffs sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts abzeichnen und
  • welche soziokulturellen Interpretationen sich daraus ableiten lassen.

Zur Beantwortung werden – vor einem diskurslinguistischen Hintergrund (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011) – korpuslinguistisch-quantitative (vgl. insbesondere Bubenhofer 2009) mit punktuellen qualitativen Untersuchungen kombiniert. Mittels systematischer Analysen umfangreicher Teilkorpora sollen Veränderungen von Ausdrucksmustern, semantischem Potenzial und konnotativen Verfestigungen im gesamten Begriffsfeld schizo- in unterschiedlichen Diskursbereichen und Zeitperioden des 20. Jahrhunderts erfasst werden. Die Untersuchung steht dabei im Rahmen des Forschungsprojektes »Schizophrenie« im interdisziplinären Austausch mit psychiatrischen, sozialhistorischen sowie bild- und filmwissenschaftlichen Zugängen zur Gesamtthematik. Als Quellengrundlage wird bewusst alltagsnahes, hinsichtlich Autoren und vermutlichen Rezipienten breit diversifiziertes Schrifttum verwendet.

Literatur:

Bleuler, Eugen (1988 [1911]): Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. Tübingen: Edition diskord. (Nachdruck der Ausgabe Leipzig, Wien 1911).
Bubenhofer, Noah (2009): Sprachgebrauchsmuster. Korpuslinguistik als Methode der Diskurs- und Kulturanalyse. Berlin, New York: De Gruyter (= Sprache und Wissen, 4).
Foucault, Michel (1973 [1961]): Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 39).
Link, Jürgen (1999): Diskursive Ereignisse, Diskurse, Interdiskurse. Sieben Thesen zur Operativität der Diskursanalyse am Beispiel des Normalismus. In: Bublitz, Hannelore/Bührmann, Andrea D./Hanke, Christine/Seier, Andrea (Hg.): Das Wuchern der Diskurse. Perspektiven der Diskursanalyse Foucaults. Frankfurt a.M., New York: Campus, 148-161.
Musolff, Andreas (2003): Ideological functions of metaphor: The conceptual metaphors of »health« and »illness« in public discourse. In: Dirven, René/Frank, Roslyn/Pütz, Martin (Hg.): Cognitive models in language and thought: Ideology, metaphors and meanings. Berlin, New York: De Gruyter (= Cognitive linguistics research, 24), 327-352.
Spitzmüller, Jürgen/Warnke, Ingo H. (2011): Diskurslinguistik. Eine Einführung in die Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse. Berlin, New York: De Gruyter (= De Gruyter Studium).