Projekt

Die sprachliche Konstituierung eines Krankheitsbildes – Diskurslinguistische Untersuchung am Beispiel des „Burnout-Syndroms“ 
(Dissertationsprojekt)

Abstract


Gesundheitsthemen spielen in unserer Gesellschaft zunehmend eine wichtige Rolle. Das führt zu einer steigenden Präsenz psychologisch-medizinischer Berichterstattung in den Medien und bedeutet, dass Texte unser Wissen über Gesundheit und Krankheit(en) immer entscheidender prägen (vgl. Luhmann 2004; vgl. Felder 2012: 116). Wir rezipieren sprachlich vermitteltes Wissen über Risikofaktoren und krankhafte Symptome, ohne dieses Wissen zwingend selbst durch unmittelbare Erfahrung erworben haben zu müssen (vgl. Warnke 2009: 122 f.). 

Die sprachlichen Erscheinungsformen des in Texten hervortretenden Wissens sind das Ergebnis einer interessengeleiteten, (un)bewussten Entscheidung für die „Verwendung bestimmter sprachlicher Zeichen“ und gegen andere mögliche „Ausdrucksweisen“ (Felder 2008: 271), was unwillkürlich zur Perspektivierung der sprachlich dargestellten ‚Fakten‘ führt (vgl. Köller 2004). Außerdem können Aussagen und Sprachgebrauchsformen durch wiederholte Verwendung in bestimmten Diskursausschnitten zu „Mustern“ werden (vgl. Bubenhofer 2008: 408 ff.; Felder 2012: 124), die den Kommunikationsrahmen hinsichtlich der Ausdrucksmöglichkeiten und Angemessenheit künftiger Äußerungen prägen. 

So ist auch die Konstituierung und Vermittlung von Wissen, ob im medizinischen oder psychologischen Bereich, an Sprache gebunden (vgl. u.a. Warnke 2009; Biere 2007; Felder 2012). Divergenzen unter Fachleuten und gesundheitspolitischen Akteuren in Bezug auf Erklärungsmodelle für ein Phänomen wie Burnout und die Abgrenzung zu etablierten Störungen wie beispielsweise zur Depression werden agonal, in semantischen Kämpfen (vgl. Felder 2006; Busch 2006) ausgetragen, die „konkrete Spuren“ (Belica: 4) auf der Sprachoberfläche hinterlassen. Die begriffliche Bestimmung von Krankheits- oder Störungsbildern basiert in besonderem Maß auf einer gesamtgesellschaftlichen Aushandlung, da Krankheitskonzepte „nicht nur mit der Entwicklung neuer diagnostischer Methoden […], sondern auch mit Mode, kulturellen Trends und wirtschaftlichen und politischen Interessen“ zusammenhängen (Renz-Polster / Krautzig 2008: 18). 

Ausgehend von diesen Grundannahmen ist das leitende Erkenntnisziel des Dissertationsprojektes, die perspektivierende Wirkung des Mediums Sprache auf die fachliche und öffentliche Wissens- und Meinungsbildung zu einem (neuen) Krankheitsbild am Beispiel des Phänomens Burnout herauszuarbeiten. Dafür werden thematische Textkorpora als Diskursausschnitte¹ zusammengestellt. Die Diskursanalyse über mehrere linguistische Beschreibungsebenen nimmt insbesondere Sprachgebrauchsformen in den Blick, die für den Diskurs prägend bzw. „prototypisch“ sind (Felder 2012: 140; vgl. Bubenhofer 2008: 408) und die auf „Bezeichnungs-, Bedeutungs- und Sachverhaltsfixierungskonkurrenzen“ in den Diskursausschnitten hinweisen (Felder 2008: 271; Felder 2006: 15 f.). 

Darüber hinaus verfolgt das Dissertationsprojekt das Ziel, einen Beitrag zu aktuellen Problemen der Burnout-Forschung zu leisten, wie das Ringen um eine konsensfähige Definition, die Debatte um Ätiologie und Therapie oder die Abgrenzung von anerkannten angrenzenden Störungsbildern. Denn durch die diskurslinguistische Analyse wird das Phänomen in seinen Ko- und Kontexten, in die es von den Diskursakteuren gestellt wurde und wird, beleuchtet, und divergierende Sachverhaltsfixierungsversuche werden anhand sprachlicher Spuren aufgedeckt. So kann ein Überblick über Forschungs- und Interessenlinien sowie gesellschaftlich-kulturelle Zusammenhänge rund um das Phänomen Burnout induktiv von sprachlicher Seite aus umfassend und systematisch erarbeitet werden.

Schließlich sollen Fach-, Vermittlungs- und Mediendiskurs miteinander verglichen werden, um auf diesem Wege den Wissenstransfer nachzuvollziehen und mögliche Unterschiede in der Sachverhaltskonstitution und -bewertung zwischen Experten und Laien zu ermitteln. Denn diese Unterschiede können in der Kommunikation zwischen Fachleuten und Laien in Form divergierender Erklärungsmodelle zum Tragen kommen. Das Bewusstmachen dieser Sichtweisen soll mehr Transparenz im Diskurs innerhalb der Fachwelt schaffen und letztendlich zu einer besseren Verständigung zwischen Fachwelt und Laien führen.


  • ¹„Diskurse“ werden hier im Anschluss an Felder (2012) verstanden als „Text- und Gesprächsnetze zu einem Thema“ (Felder 2012: 122). Das Diskursverständnis der Arbeit stützt sich unter anderem auf Busse/Teubert 1994:14; Felder 2012:122; Warnke 2007.



Literatur: 

Belica, Cyril: Semantische Nähe als Ähnlichkeit von Kookurrenzprofilen. [www-Dokument]: http://corpora.ids-mannheim.de/SemProx.pdf [abgerufen August 2012].
Biere, Bernd Ulrich (2007): Linguistische Hermeneutik und hermeneutische Linguistik. In: Hermanns, Fritz / Holly, Werner (Hg.): Linguistische Hermeneutik. Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. Tübingen: Niemeyer (Germanistische Linguistik 272), S. 7-21.
Bubenhofer, Noah (2008): Diskurse berechnen? Wege zu einer korpuslinguistischen Diskursanalyse. In: Warnke, Ingo H. / Spitzmüller, Jürgen (Hg.): Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftliche Zugänge zur transtextuellen Ebene. Berlin / New York: de Gruyter (Linguistik Impulse und Tendenzen 31), S. 407-434.
Busch, Albert (2006): Semantische Kämpfe in der Medizin. In: Felder, Ekkehard (Hg.): Semantische Kämpfe. Macht und Sprache in den Wissenschaften. Berlin / New York: de Gruyter (Linguistik – Impulse & Tendenzen 19), S. 47-71.
Busse, Dietrich / Teubert, Wolfgang (1994): Ist Diskurs ein sprachwissenschaftliches Objekt? Zur Methodenfrage der historischen Semantik. In: Busse, Dietrich / Hermanns, Fritz / Teubert, Wolfgang (Hg.): Begriffsgeschichte und Diskursgeschichte. Methodenfragen und Forschungsergebnisse der historischen Semantik. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 10-28.
Felder, Ekkehard (2006): Semantische Kämpfe in Wissensdomänen: Eine Einführung in Benennungs-, Bedeutungs- und Sachverhaltsfixierungs-Konkurrenzen. In: Felder, Ekkehard (Hg.): Semantische Kämpfe. Macht und Sprache in den Wissenschaften. Berlin / New York: de Gruyter (Linguistik – Impulse und Tendenzen 19), S. 13-46.
Felder, Ekkehard (2008): Forschungsnetzwerk „Sprache und Wissen“: Zielsetzung und Inhalte. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik (ZGL) 36.2/2008, S. 270-276.
Felder, Ekkehard (2012): Pragmasemiotische Textarbeit und der hermeneutische Nutzen von Korpusanalysen für die linguistische Mediendiskursanalyse. In: Felder, E. / Müller, M. / Vogel, F. (Hg.): Korpuspragmatik. Thematische Korpora als Basis diskurslinguistischer Analysen. Berlin / Boston: de Gruyter (Linguistik – Impulse und Tendenzen 44), S. 115-174.
Köller, Wilhelm (2004): Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. Berlin / New York: de Gruyter.
Luhmann, Niklas (2004): Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Renz-Polster, Herbert / Krautzig, Steffen (2008): Basislehrbuch Innere Medizin. München: Urban & Fischer.
Warnke, Ingo H. (2007): Diskurslinguistik nach Foucault – Dimensionen einer Sprachwissenschaft jenseits textueller Grenzen. In: Warnke, Ingo H. (Hg.): Diskurslinguistik nach Foucault. Theorie und Gegenstände. Berlin / New York: de Gruyter (Linguistik – Impulse und Tendenzen 25), S. 3-23.
Warnke, Ingo H. (2009): Die sprachliche Konstituierung von geteiltem Wissen in Diskursen. In: Felder, E./ Müller, M. (Hg.): Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerkes „Sprache und Wissen“. Berlin / New York: de Gruyter (Sprache und Wissen 3), S. 113-140.