Projekt

  • Beratungsdiskurse – Interaktive Verfahren der Wissenskonstruktion in Internetforen. 

 

 Abstract

Das Internet mit seinen Web 2.0-Charakteristiken ist für die Beschaffung von handlungsrelevantem Alltags-, aber auch Fachwissen längst allgegenwärtig. Quantitativ besonders bedeutsame wissenskommunikative Arenen stellen Diskussionsforen und Frage-Antwort-Dienste (wie gutefrage.net) dar, in denen Produser (Bruns 2008) und passive Rezipienten mehr oder weniger spezialisierte Informationen suchen, anfragen, bereitstellen und in denen interaktiv ausgehandelt wird, was als Wissen zu gelten hat. Neben Wikipedia, das als Forschungsgegenstand zunehmende Aufmerksamkeit erfährt (vgl. z.B. Beyerdsdorffer 2013) findet sich in dieser wissenskommunikativen Praktik vielleicht das bedeutsamste Symptom des postulierten „wissenskulturelle[n] Wandel[s] durch das Internet“ (Pscheida 2010: 346). Gleichzeitig bleiben solche Web 2.0-Beratungsdiskurse bislang weitgehend unbeachtet von einer linguistischen Forschung (aber: Runkehl 2014), die sich ansonsten zunehmend intensiv Fragen der Wissenskommunikation zuwendet (exemplarisch: Antos 2001, Kastberg 2007, Beckers 2012). Die Studie möchte theoretische und methodische Grundlagen für die Erforschung des Gegenstandes legen und mit einem Mixed-Methods-Approach die kommunikativen Praktiken beschreiben, in denen sich die interaktive Konstruktion von Wissen unter solchen medialen Bedingungen vollzieht.

Die global praktizierte Form der Wissensgenerierung unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von althergebrachten Verfahren. In der prädigitalen Gesellschaft wird Wissenstransfer bzw. –transformation vornehmlich in ›zerdehnten‹ Lehr-Lern-Kontexten via Text-Leser-Interaktion bewerkstelligt oder aber im Rahmen spezialisierter und tradierter mündlicher Interaktionstypen wie dem persönlichen Beratungsgespräch. Konstitutives Element und notwendige Voraussetzung sind in beiden Fällen das Vorhandensein von Wissensasymmetrien zwischen den Kommunikationsteilnehmern, gleichzeitig aber auch deren wechselseitige Anerkanntheit (vgl. z.B. Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994). Diese vormals oft unproblematische Eingangsvoraussetzung wird im Mitmach-Web unter der Bedingung der Unkenntnis über Beurteilungskompetenzen zum Kristallisationspunkt der Herausforderungen. Vor dem Hintergrund, dass in solchen medialen Kontexten durchaus Interaktanten aller fachlichen Kompetenzniveaus- und arten aufeinandertreffen können und dadurch undurchsichtige Symmetriegeflechte entstehen, wird nicht die in der Forschung übliche Konzeptionalisierung von Foren›gesprächen‹ als Laienkommunikation (vgl. etwa Busch/Spranz-Fogasy: 353) als forschungsleitend übernommen. Stattdessen wird der Fokus genau auf die für die Wissenstransferchancen maßgebliche Frage gelenkt, mit welchen Strategien Expertenstatus glaubwürdig sprachlich-kommunikativ konstruiert wird und wie die Teilnehmer auf dieser Folie interaktiv aushandeln, was als Wissen zu gelten hat.

Während die Argumentationsforschung natürliche Gespräche inzwischen zum Gegenstand empirischer Erforschung erhoben hat (Schwarze 2008), wird diese Perspektive an die gesprächsanalytisch gut untersuchten helfenden Interaktionen (vgl. Kallmeyer 2000) bislang noch nicht angesetzt. Gerade dieser bislang wenig naheliegende Zugriff erweist sich hier als besonders fruchtbar, da die als Wissensmittler auftretenden Nutzer unter (teil)öffentlichen und (semi)anonymen Bedingungen latent gefordert sind, ihre faktiven und normativen Geltungsansprüche (Habermas 1981) antizipativ zu begründen und im Fällen von Dissens reaktiv zu verteidigen. Als Resultat entstehen eristische kommunikative Modi, die für Foreninteraktionen generell als typisch betrachtet werden (vgl. Maaß 2014). Die interaktiven Potenziale der medialen Umgebung schaffen darüber hinaus allerdings auch die Voraussetzung dafür, die zur Disposition stehenden Informationsbedarfe kooperativ zu bearbeiten. Dies kann im Sinne einer Beratschlagung durch mehrere Antwortende geschehen oder aber als reziprokes Gespräch i.e.S. mit mehrfachem ›Turnwechsel‹ zwischen dem Fragesteller und einzelnen Antwortenden. Unter Ausblendung der interaktiven Möglichkeiten ist schließlich auch die Beratungsverfertigung in jeweils diskreten, durch die Frage fixierten adjacency pairs anzutreffen. Da diese Modi in den Gesprächssträngen jederzeit ineinandergreifen, oder auch parallel ablaufen können, entstehen komplexe und flexible wissenskommunikative Strukturen. Diese Bearbeitungs- und Aushandlungsprozesse finden im Unterschied zu Wikipedia nicht im Hintergrund statt, den Rezipienten werden sie an der Oberfläche als für die individuelle Wissensgenese zu verwertende Produkte verfügbar.

Innerhalb des zunehmend diversifizierten Spektrums digitaler Kommunikationskanäle lässt sich den Internetforen ein „latente[r] Hybridcharakter“ (Kleinke 2008: 114) zusprechen. Sie ermöglichen asynchron-schriftsprachliche Kommunikation, die zudem als interpersonal und öffentlich klassifizierbar ist (Haas/Keyling/Brosius 2010). Im theoretischen Teil der Arbeit wird dafür argumentiert, dass Wissenskommunikation vor dem Hintergrund dieser spezifischen Kombination medial-kommunikativer Merkmale in neuartige und dynamische Konfigurationszusammenhänge gestellt wird. Der Gegenstand wird demnach nicht als lediglich remediatisierte Erscheinungsform von Face-to-Face-Beratungsinteraktionen begriffen, sondern als genuiner Interaktionstyp (Spranz-Fogasy 2002) konzeptionalisiert. Im theoretischen Teil der Arbeit sollen nach einer medien- und gesprächslinguistisch fundierten Verortung verschiedene wissenskommunikative Einflussfaktoren auf ihre Rolle für die Beratungsdiskurse befragt und als Bedingungsgefüge des Wissenstransfers herausgearbeitet werden, wofür Erkenntnisse und Modelle der Beratungsforschung, Fachsprachenlinguistik, Diskurslinguistik (im gesprächsanalytischen- wie auch im ›transtextuellen‹ Verständnis) und Argumentationsforschung auf den Gegenstand bezogen werden. Neben der Grundlegung für den empirischen Teil wird damit das Ziel verfolgt, den Erkenntnisgegenstand für die linguistische Forschung zu öffnen.

Auf Basis der skizzierten Ausgangslage werden die folgenden Fragestellungen in den Vordergrund des explorativen empirischen Teils der Studie gestellt und miteinander in Beziehung gesetzt:

  • Mit welchen sprachlich-kommunikativen Strategien werden Geltungsansprüche erhoben und begründet? Welcher Ressourcen bedienen sich die Interaktanten, um Glaubwürdigkeit herzustellen?
  • Welche Rolle kommt der schriftlich-sequenziellen Gesprächskonstitution zu? In welchen Handlungsschemata und mittels welcher kommunikativen Modi wird Wissen interaktiv konstruiert?

 

Da Erkenntnisse darüber generiert werden sollen, nach welchen Parametern die Beratungsverfertigung musterhaft variiert, setzt sich das Untersuchungskorpus aus Bündeln von Threads mit heterogenen Ausgangsfragen zusammen, die einen breiten Bereich hinsichtlich des Themas und der Art der Frage abdecken sollen. Die wissenskommunikativen Praktiken werden über einen Mixed-Methods-Approach operationalisiert, mit dem glaubwürdigkeitskonstituierende sprachlich-kommunikative Strategien herausgearbeitet werden, unter besonderer Berücksichtigung der Illokutionsstrukturen. In einem zweiten Schritt werden diese Muster mit qualitativen Analysen auf Ihre Potenz als interaktive Ressource hin untersucht. Mit der Kombination der Schritte sollen erste Erkenntnisse über Funktionsprinzipien von Wissenskommunikation unter Web 2.0-Bedingungen zu Tage gefördert werden.

Literatur
Antos, Gerd (2001): Transferwissenschaft. Chancen und Barrieren des Zugangs zu Wissen in Zeiten der Informationsflut und der Wissensexplosion. In: Wichter, Sigurd/Antos, Gerd (Hg.): Wissenstransfer zwischen Experten und Laien. Umriss einer Transferwissenschaft. Frankfurt a. M., 3-34.

Beckers, Katrin (2012): Kommunikation und Kommunizierbarkeit von Wissen. Prinzipien und Strategien kooperativer Wissenskonstruktion. Berlin.

Beyersdorff (2013): Wer definiert Wissen? Wissensaushandlungsprozesse bei kontrovers diskutierten Themen in “Wikipedia – Die freie Enzyklopädie” – Eine Diskursanalyse am Beispiel der Homöopathie. Berlin.

Bruns, Axel (2008). Blogs, Wikipedia, Second Life and Beyond. From Production to Produsage. Berlin.

Busch, Albert/Spranz-Fogasy, Thomas (2014): Sprache in der Medizin. In: In: Felder, Ekkehard/Gardt, Andreas (Hg.): Handbuch Sprache und Wissen. Bd.1. Berlin/Boston, 335-357.

Haas, Alexander/Keyling, Tim/Brosius, Hans-Bernd (2010): Online-Diskussionsforen als Indikator für interpersonale (Offline-)Kommunikation? Methodische Ansätze und Probleme. In: Jackob, Nikolaus [u.a.] (Hg.): Das Internet als Forschungsinstrument und –gegenstand in der Kommunikationswissenschaft. Köln, 246-267.

Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankfurt am Main.

Kallmeyer, Werner (2000): Beraten und Betreuen. Zur gesprächsanalytischen Untersuchung von helfenden Interaktionen. In: Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung, 1 (2000), 227-252.

Kastberg, Peter (2007): Knowledge communication – the emergence of a third order discipline. In: Villiger, Claudia/Gerzymisch-Arbogast, Heidrun (Hg.): Kommunikation in Bewegung. Multimedialer und multilingualer Wissenstransfer in der Experten-Laien-Kommunikation. Frankfurt am Main u.a., 7-24.

Kleinke, Sonja (2008): Zur sprachlichen Gestaltung deutscher und englischer Diskus­sionsbeiträge in den öffentlichen Internetforen BBC-TALK und SPIEGEL ONLINE. In: Fuchs, Volker/Störl, Kerstin (Hg.): Stil ist überall, aber wie bekomme ich ihn zu fassen? Frankfurt am Main, 101-118.

Maaß, Christiane (2014): Der anwesende Dritte im Internetforum zwischen potentieller Sprecherrolle und “non-personne”. In: Bedijs, Kristina/Heyder, Karoline Henriette (Hg.): Sprache und Personen im Web 2.0. Linguistische Perspektiven auf YouTube, SchülerVZ & Co. Berlin.

Nothdurft, Peter/Reitemeier, Ulrich/Schröder, Peter (1994): Beratungsgespräche. Analyse asymmetrischer Dialoge. Tübingen.

Pscheida, Daniela (2010): Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert. Bielefeld.

Runkehl, Jens (2014): Vernetzt – Die Evolution von Kommunikation & Interaktion in der Gegenwart. In: Mathias, Alexa/Runkehl, Jens/Siever, Torsten (Hg.): Sprachen? Vielfalt! Sprache und Kommunikation in der Gesellschaft und den Medien. Eine Online-Festschrift zum Jubiläum von Peter Schlobinski. <http://www.mediensprache.net/networx/networx-64.pdf>.

Schwarze, Cordula (2010): Formen und Funktionen von Topoi im Gespräch. Eine empirische Untersuchung am Schnittpunkt von Argumentationsforschung, Gesprächsanalyse und Sprechwissenschaft. Frankfurt am Main.

Spranz-Fogasy, Thomas (2002): Interaktionsprofile. Die Herausbildung individueller Handlungstypik in Gesprächen. Radolfzell.