Projekt

Kultureme im intra- und interlingualen Vergleich als sprachspezifischer Spiegel des Denkens. Eine Analyse des Diskurses über Beruf und Alltag.

 

Abstract

Sprache ist ein Medium, in dem sich Spezifika einer Kultur und Gesellschaft zeigen. Das einzelsprachliche Zeichensystem und die kultureigene Denkweise stehen dabei in einem charakteristischen Zusammenhang; sie bedingen und beeinflussen sich wechselseitig. In einer sprachvergleichenden Diskursanalyse Deutsch-Spanisch soll dieser Zusammenhang über die sprachliche Oberfläche induktiv erschlossen werden und überprüft werden, ob sich auf einer abstrakteren Ebene Einheiten voneinander abgrenzen lassen, die kulturspezifische Bedeutung tragen – sogenannte Kultureme.

Der Arbeit liegt die Prämisse zugrunde, dass das Zeichensystem Sprache stets perspektivierend wirkt (Köller 2004) und dabei bereits sprachinhärent bestimmte Blickrichtungen auf Sachverhalte – oder auch Weltansichten (Humboldt 1963) – bereitgestellt werden. Der Sprachbenutzer trifft mit einem gewählten Ausdrucksmuster eine Auswahl, die den jeweiligen Zugriff auf die Wirklichkeit bestimmt und damit Sachverhalte prägt, schafft und deutet (Felder 2009). Am Beispiel des Mediendiskurses über Beruf, Arbeit, Alltag und Freizeit sollen unter anderem folgende erkenntnisleitende Fragen beantwortet werden: Welche idiomatischen Auffälligkeiten und diskursiven Muster sind im Diskurs ersichtlich? Wo in der Gesellschaft und in welchen Textsorten werden die Konzepte >Beruf< bzw. >Arbeit< und >Alltag< bzw. >Freizeit< verhandelt? Welche unterschiedlichen Perspektiven werden im Diskurs durch die einzelsprachliche Ausdrucksverwendung evoziert? Welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede zeigen sich in der sprachlichen Sachverhaltskonstituierung im Deutschen und im Spanischen?

In der Korpusanalyse sollen insbesondere diejenigen Momente im Vordergrund stehen, in denen sich die anthropologischen Konstanten >Beruf< bzw. >Arbeit< und >Alltag< bzw. >Freizeit< kreuzen und kulturspezifische Dynamiken entstehen. Dabei gehe ich davon aus, dass sich in den sprachreflexiven und -kritischen Äußerungen in einer Einzelsprache das nationale und kulturelle Selbstverständnis der Sprecher und Sprecherinnen und ihre Einstellung gegenüber ihrem Erkenntnismedium Sprache manifestiert. Kulturspezifika lassen sich also zum einen in den sprachlichen Mustern einer Einzelsprache und deren kennzeichnender Perspektiviertheit feststellen; zum anderen zeigen sie sich in kondensierter und selbstreflexiver Form in den sprachkritischen Diskursen einer Sprachgemeinschaft.

Methodisch wird auf eine linguistische Diskurs- bzw. Textanalyse zurückgegriffen (Busse/ Teubert 1994; Warnke 2007, 2008; Spitzmüller/ Warnke 2011), die sich zunächst auf die qualitative Texthermeneutik stützt (Hermanns/ Holly 2007). Diskurse werden im vorliegenden Promotionsprojekt aufgefasst als „thematisch, funktional und intertextuell aufeinander bezogene Text- und Gesprächswelten“ (Busse/ Teubert 1994), die Aufschluss über die kulturspezifische Haltung der Sprecher geben können. Der Fokus der Arbeit soll zunächst auf der induktiven und einzelsprachlichen Erschließung der idiomatischen Auffälligkeiten und der diskursiven Muster in den zwei Ländern Deutschland und Spanien liegen. In einem zweiten Schritt soll über den Vergleich der einzelsprachlichen Diskurse überprüft werden, ob sowohl inter- als auch intralingual Kultureme voneinander abgegrenzt werden können.

Als besondere Herausforderung erscheinen in diesem Zusammenhang die spezifischen Anforderungen, die mit einer sprachvergleichenden Diskursanalyse in Verbindung stehen. Die systematische Beschreibung und Bearbeitung dieser Anforderung stellt ein Forschungsdesiderat dar: eine Methode der sprachvergleichenden Diskursanalyse wurde bislang noch nicht entworfen.

Literatur
BUSSE, DIETRICH/ TEUBERT, WOLFGANG (1994): Ist Diskurs ein sprachwissenschaftliches Objekt? Zur Methodenfrage der historischen Semantik. In: Begriffsgeschichte und Diskursgeschichte. Methodenfragen und Forschungsergebnisse der historischen Semantik. Hrsg. von Dietrich Busse, Fritz Hermanns und Wolfgang Teubert. Opladen: Westdeutscher, S. 10–28.

FELDER, EKKEHARD (2009): Sprache – das Tor der Welt!? Perspektiven und Tendenzen in sprachlichen Äußerungen. In: Sprache. Hrsg. von Ekkehard Felder. Berlin/ Heidelberg: Springer, (= Heidelberger Jahrbücher 53), S. 13–57.

HERMANNS, FRITZ/ HOLLY, WERNER (Hrsg.) (2007): Linguistische Hermeneutik. Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. Tübingen: Niemeyer (= Reihe Germanistische Linguistik 272).

V. HUMBOLDT, WILHELM (1963): Schriften zur Sprachphilosophie. Stuttgart: Cotta (= Werke in 5 Bänden, 3).

KÖLLER, WILHELM (2004): Sprache und Perspektivität. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. Berlin: de Gruyter.

SPITZMÜLLER, JÜRGEN/ WARNKE, INGO (2011): Diskurslinguistik. Eine Einführung in Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse. Berlin: de Gruyter.

WARNKE, INGO (Hrsg.) (2007): Diskurslinguistik nach Foucault. Theorie und Gegenstände. Berlin: de Gruyter (= Linguistik – Impulse und Tendenzen 25).

WARNKE, INGO (Hrsg.) (2008): Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftliche Zugänge zur transtextuellen Ebene. Berlin: de Gruyter (= Linguistik – Impulse und Tendenzen 31).