Projekt

Krisenkonzepte – Metaphorische Konzeptualisierungen in Krisendiskursen der Bundesrepublik

Abstract

In der angestrebten Dissertation soll das Phänomen Krise untersucht werden, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht und die neuere (Sprach-) Geschichte durchgehend und nachhaltig geprägt hat – und sie immer noch prägt (vgl. z.B. Wolfrum 2006). Krisen werden seit den 1970er Jahren in den Sozial- und Geschichtswissenschaften als Zeiträume struktureller Veränderungen beschrieben, die durch einen Vertrauensverlust in bestehende Institutionen und Regelsysteme gekennzeichnet sind (vgl. z.B. Steiner 2006: 2; Plumpe 2010: 16f). Anhand von Krisen lassen sich Perioden verstärkten sozialen Wandels erforschen und begreifen. So sind Wirtschaftskrisen und der Sozialstaat in der Krise seit den 1970er Jahren immer wiederkehrende Themen öffentlicher Debatten und Legitimationsgrundlage sozialstaatspolitischer Maßnahmen. Zentral für die Arbeit ist der Befund, dass Kontinuitäten und Veränderungen im kollektiven Wissen über Krise nur in diskurshistorisch kontextualisierender Weise hinreichend erfasst und erklärt werden können (vgl. Wengeler/Ziem 2010). In jedem Sprachgebrauch kristallisieren sich vergangene wie gegenwärtige Interpretationen der Lebenswelt. Dementsprechend geht die angestrebte Arbeit der Frage nach, welche historisch und kulturell geprägten Wissensbestände die immer wiederkehrenden Krisendiskurse seit den 1970er Jahren mitgestalten und welche Rolle sie in den politischen Legitimationsprozessen spielen. In dieser Hinsicht ist das Vorhaben auch ein Beitrag zur Zeit- und Diskursgeschichte und siedelt sich an der Grenze zu den Geschichts- und Sozialwissenschaften an.

Als ein äußerst öffentlichkeitswirksames und vielschichtiges Thema sind Krisen auf Vermittlung durch Komplexität reduzierende (Massen-)Medien angewiesen. Zugleich prägt und gestaltet die durch Sprache vermittelte Darstellung die Gegebenheiten des jeweiligen Gegenstandsbereichs und beeinflusst so, was von einer Sprachgemeinschaft als Realität wahrgenommen wird. Wissensbestände über gesellschaftlich und historisch relevant bewertete Ereignisse werden in einer Sprachgemeinschaft zu einem großen Teil über massenmediale Kommunikationsprozesse erlangt und als den eigenen Lebensraum betreffend erlebt und beeinflussen Identitäten und Mentalitäten.

Ein Blick in Pressetexte zur Zeit der Banken- und Finanzkrise (2008/09) und der Ölkrise (1973/74) – die wohl bis heute bekanntesten Zeiträume wirtschaftlicher Krisen der Bundesrepublik – macht schnell die starke Präsenz metaphorischer Konzeptverknüpfungen deutlich. Doch auch in den weniger offensiv als Krise bezeichneten Phasen der Geschichte der Bundesrepublik wird deutlich gemacht, dass der gesellschaftliche Fortbestand gefährdet ist. Dabei handelt es sich um sozialpolitische Debatten, in denen nicht weniger als der Zusammenbruch des Sozialstaats diskutiert wird, wie in der Standort-Debatte im Zusammenhang mit der Arbeitsmarkt-Krise (1997) und die wenige Jahre später geführten Debatten um die Agenda 2010 (2003) und die Hartz-Reformen. Die Untersuchung gründet daran anknüpfend auf der Annahme, dass Krisen im wirtschaftlichen und sozialpolitischen Kontext ein konzeptuell vermitteltes und wahrgenommenes Phänomen in Diskursgemeinschaften sind. Der Sprachgebrauch ist daher grundsätzlich metaphorisch geprägt (vgl. Lakoff/Johnson 1980; Pielenz 1993; Böke 1996). Eine systematische Metaphern-Analyse über die genannten Krisenzeiträume hinweg soll die verschiedenen Krisenkonzepte herausstellen, welche die Diskurse hervorbringen. Nicht nur zwischen den einzelnen Zeiträumen haben wir es dabei mit verschiedenen Krisenkonzepten zu tun, sondern auch innerhalb der Diskurse diskutieren verschiedene Akteure und Akteursgruppen mit unterschiedlichen Krisen-Konzeptualisierungen und prägen diese.

Die bisherige Forschungsarbeit hat gezeigt, dass Krise ein Deutungsmuster mit sehr basaler Struktur formt und gleichzeitig einen inhaltlich flexiblen Deutungsrahmen darstellt, der in den einzelnen Krisendiskursen je nach Diskursposition und Perspektive von den Akteuren akzentuiert und konturiert wird (vgl. Drommler/Kuck 2013). Eine systematische, interpretative Analyse konzeptueller Metaphern über alle eruierten Krisenzeiträume der letzten 40 Jahre hinweg, wurde bisher nicht geleistet. Gerade die realitätsbildende und (-verbildlichende) Dimension der Metapher gibt aber Aufschluss über Perspektiven und Standpunkte, von denen aus ein diskursives Phänomen betrachtet und verhandelt wird bzw. welche Betrachtungsweisen verändert oder verdrängt werden. Konzeptuelle Metaphern stellen Grundfiguren unserer Kommunikation dar und enthalten implizite Handlungsanweisungen, die für Argumente fruchtbar gemacht werden. In diesem Sinne sind sie direkt an der kommunikativen Aushandlung und der Legitimierung politischer Maßnahmen beteiligt. So trägt eine Rekonstruktion metaphorisch geformter Krisenkonzepte dazu bei, die diskursiven Rahmenbedingungen, in denen das Sprechen über Krise möglich ist, zu beschreiben.

Das Dissertationsvorhaben entstand im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts, das zwischen 2010 und 2012 von der DFG an der Universität Trier gefördert wurde und der Leitung von Marin Wengeler (Trier) und Alexander Ziem (Düsseldorf) unterlag. In diesem Projekt mit dem Titel Sprachliche Konstruktionen sozial- und wirtschaftspolitischer „Krisen“ in der BRD von 1973 bis heute wurden Forschungsergebnisse anhand von diskurslinguistischen Untersuchungen vorgelegt. Dazu wurde ein themenzentriertes Textkorpus erstellt, das auch als Datengrundlage dieser Untersuchung genutzt wird. Es enthält 10.248 Pressetexte aus fünf deutschen Leitmedien (Bild, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Spiegel, Zeit) und erstreckt sich über fünf Krisenzeiträume: Ölkrise 1973/74, Geistig-moralische Wende 1982, Standort-Deutschland-Debatte/Arbeitsmarktkrise 1997, Debatten um die Agenda 2010 2003 und Banken und Finanzkrise 2008/09. Da alle Texte in einem standardisierten digitalen Format vorliegen bzw. in dieses Format gebracht wurden und in einer Datenbank gespeichert sind, kann ein einheitliches Vorgehen für alle Teildiskurse eingehalten werden. Die metaphorischen Äußerungen werden manuell gesucht und in Bezug auf die Herkunfts- und Zielbereiche sowie Akteure, Diskursstränge und Diskurspositionen untersucht.

Literatur:

Böke, Karin (1996). Überlegungen zu einer Metaphernanalyse. In K. Böke, M. Jung, & M. Wengeler (Hrsg.). Öffentlicher Sprachgebrauch: Praktische, theoretische und historische Perspektiven. Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 431–452.

Drommler, Michael/Kuck, Kristin (2013): ‚Krise‘ aus Metaphern – ‚Krise‘ in Metaphern. Metaphorische Konstruktionsweisen von Krisenkonzepten am Beispiel der Debatten zur „Agenda 2010“ und zur „Finanzkrise 2008/09“. In: Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hrsg.): Sprachliche Konstruktion sozial- und wirtschaftspolitischer Krisen in der BRD: Interdisziplinäre Perspektiven. Bremen: Hempen. S. 209–240.

Kuck, Kristin/David Römer (2012): Argumentationsmuster und Metaphern im Mediendiskurs zur Finanzkrise. In: Lämmle, Kathrin; Peltzer, Anja; Wagenknecht, Andreas (Hrsg.): Krise, Cash und Kommunikation – Die Finanzkrise in den Medien. Konstanz: UVK. S. 71–94.

Lakoff, George/Mark Johnson (1980): Metaphors we live by. Chicago: University of Chicago Press.

Pielenz, Michael (1993): Argumentation und Metapher. Tübingen: Niemeyer.

Plumpe, Werner 2010: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart, München.

Steiner, André (2006): Bundesrepublik und DDR in der Doppelkrise europäischer Industriegesellschaften. Zeithistorische Forschungen, 3: 342–362.

Wengeler, Martin/Alexander Ziem (2010): „Wirtschaftskrisen“ im Wandel der Zeit. Eine diskurslinguistische Pilotstudie zum Wandel von Argumentationsmustern und Metapherngebrauch. In: Achim Landwehr (Hrsg.): Diskursiver Wandel. Wiesbaden, S. 335–354.