Deutsch-chinesisches Graduiertennetzwerk zur Intensivierung der Kooperation mit der Beijing Foreign Studies University (VR China) im Bereich des wissenschaftlichen Nachwuchses

Koordinatoren:

Prof. Dr. Jia Wenjian, Beijing Foreign Studies University

Priv.-Doz. Dr. Marcus Müller, Universität Heidelberg

Kontakt: Marcus Müller

Bei diesem Kooperationsprojekt geht es uns um zwei zentrale Aspekte wissenschaftlicher Praxis in der Gegenwart: Interdisziplinarität und Interkulturalität. In dem Graduiertennetzwerk in deutsch-chinesischem Austausch sollen Interdisziplinarität und Interkulturalität wissenschaftlichen Handelns untersucht und zugleich praktiziert werden: Wissen wird einerseits in hochspezialisierten Fachkontexten gewonnen, andererseits ist es zur angemessenen Bearbeitung wissenschaftlicher Probleme geboten, in interdisziplinären Projektgruppen und interkulturellen Netzwerken zusammenzuarbeiten. Damit ergibt sich als Herausforderung, dass unterschiedliche soziale Praktiken der Herstellung von Wissen, die sich in den jeweiligen Disziplinen herausgebildet haben, aufeinandertreffen und koordiniert werden müssen (Fachkulturen). Sprache ist dabei das Medium der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen: Verfahren der Terminologisierung, Argumentation und Markierung von Geltungsansprüchen sind fachkulturelle Praktiken der Wissenskonstitution (Felder 2013; Müller 2007; 2013), die in jedem interdisziplinären Kontext wieder neu ausgehandelt werden müssen. In der globalisierten Welt hat die Herstellung von Wissen aber auch eine interkulturelle Dimension (Müller 2012a). Diese ist einerseits durch die Herausforderungen gekennzeichnet, welche durch die Übersetzung von Bedeutungsgehalten und Geltungsansprüchen in eine andere Sprache oder einen anderen Kulturraum entstehen. Andererseits lässt sie aber auch die (häufig ungenutzten) kreativen Spielräume sichtbar werden (De La Rosa 2012: 19).

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Akademische Forschung ist in weiten Bereichen internationalisiert. Forschungsgruppen an Universitäten und Instituten sind in der ganzen Welt international besetzt. Forscherkarrieren bedingen nicht selten mehrere Standortwechsel über Regionen, Staaten, Kontinente und Kulturräume hinweg. Die regionale und nationale Ausdifferenzierung der Forschung ist letztlich auf die unterschiedlichen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der einzelnen Wissenschaftsstandorte zurückzuführen („Nutzenkultur“ vs. „Normkultur“ Hoffmann/Schweidler 2006). Die nationalen und transnationalen politischen Entscheidungsprozesse stehen im sozialen Spannungsfeld religiöser, weltanschaulicher und alltagsphilosophischer Orientierungsdiskurse, die Beständigkeit und feste Identitäten suggerieren, unter dem Blickpunkt der Analyse ihrer soziokommunikativen Gestalten (Feilke 1996) aber eine enorme Dynamik und Wandelbarkeit offenbaren. In diesen Prozessen wird Wissen konstruiert, generiert aber auch exkludiert, und es nimmt nicht zuletzt über Richtlinien wieder Einfluss auf die Genese des wissenschaftlichen Wissens.

Impressionen vom Workshop des Graduiertennetzerks in Beijing im Mai 2014

115 IMG_1964 IMGP3594Die internationale Relevanz des hier skizzierten Forschungsthemas offenbart sich also in der Kulturlücke zwischen globalisierter Forschung und polymorphen Kulturen innerhalb von Gesellschaften, zwischen den Gesellschaften und über den Gesellschaften in supranationalen Normdiskursen globaler Organisationen und Netzwerke. Über die sprachliche Analyse von fachlichen Praktiken der Wissenskonstituierung können Einsichten in Kultureme gewonnen werden, die das wechselseitige Verständnis von Fach- und Sprachkulturen erleichtern (Oksaar 1988), aber auch auf Wechselwirkungen zwischen wissenschaftlichen und politischen Diskursen verweisen. Es ergeben sich in diesem Kontext drei Dimensionen der Konstituierung wissenschaftlicher Erkenntnis (Warnke 2009; Felder 2013):

  • Konstruktion als assertive Herstellung von Faktizität;
  • Argumentation als Rechtfertigung von Faktizität durch Begründung oder Widerlegung von konstruiertem Wissen;
  • Distribution als Streuung von Geltungsansprüchen auf Wahrheit im Diskurs.

 

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Diese Situation lässt sich am doppelten Kulturvergleich zwischen Deutschland und China besonders erfolgreich erforschen, da sich fachkulturelle Praktiken zur Bearbeitung oft identischer Themen in ganz unterschiedlichen sprachkulturellen Kontexten (Helmolt/Berkenbusch/Jia 2013) vollziehen. Hierzu soll im Rahmen der langjährigen Universitätspartnerschaft die bereits angestoßene Zusammenarbeit zwischen Forscherinnen und Forschern der Beijing Foreign Studies University und der Universität Heidelberg im Bereich des wissenschaftlichen Nachwuchses intensiviert und mittelfristig institutionalisiert werden. Ausgehend von laufenden Dissertationsprojekten an den beiden Universitäten ergibt sich damit folgende thematische Clusterung des Graduiertennetzwerks für die erste Generation:

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Erste Generation des Graduiertennetzwerks Fachkulturen – Sprachkulturen

 

 

Sprache und Wissen in Fachkulturen

Ausgehend von der Tatsache, dass jegliches gesellschaftlich relevante Fachwissen zum Zwecke der Kommunikation sprachlich gefasst werden muss, untersucht das Forschungsnetzwerk “Sprache und Wissen” Sprache als Konstituierungsmedium fachlichen Wissens (Felder/Müller 2009; Felder/Müller/Vogel 2012; Felder 2013). Im Netzwerk sind Forscher/innen aus Linguistik, Kulturwissenschaft und Soziologie vernetzt, die ein je spezifisch fachliches und sprachliches Interesse an einer ganz bestimmten Wissensdomäne verbindet. Die Graduiertenplattform des Netzwerks bietet eine Anlaufstelle für Nachwuchswissenschaftler/innen, die sich im thematischen Bereich „Sprache und Wissen“ qualifizieren wollen. Zurzeit sind 89 Nachwuchswissenschaftler/innen aus der ganzen Welt über die Plattform miteinander vernetzt.

Heidelberger Workshop ‚Transkulturelle Praktiken der Wissenskonstitution‘

Im Juli 2014 fand in im Rahmen des Graduiertennetzwerks in Heidelberg der Workshop ‘Transkulturelle Praktiken der Wissenskonstituion’ statt.  Es sprachen u.a. Prof. Barbara Mittler vom Heidelberg Centre of Transcultural Studies, Prof. Wang Jianbin und Prof. Liu Liqun von der Beijing Foreign Studies University sowie Dr. Wolf Schünemann vom Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Hier kann man das Programm einsehen:

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Literaturangaben zum Graduiertennetzwerk (in Auswahl)

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